Sueddeutsche Zeitung, SZ, vom 30.03.1994, S. 34

Wirtschaft

Das umstrittene Erbe Walter Euckens

Die 'Freiburger Schule' gehoert zum Mythos der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte: Ihr Begruender Walter Eucken gilt als Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft, seine Lehre von der Ordnungspolitik als wissenschaftliches und ideelles Fundament auf dem die beiden grossen Architekten deutscher Wirtschaftspolitik, Ludwig Erhard und Karl Schiller, gebaut haben. Der Zusammenbruch der Planwirtschaft im Osten und die wachsenden Probleme der Marktwirtschaft im Westen haben die Frage nach der Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft wieder an die Spitze der politischen Agenda ruecken lassen. Das Freiburger 'Walter Eucken Institut', das heuer seinen vierzigsten Geburtstag feiert, will mit seiner Interpretation der Werke Euckens und ihrer Weiterentwicklung einen Beitrag zu dieser Debatte leisten. Kritiker sagen, der Think- Tank, und mit ihm die deutsche Nationaloekonomie, habe sich einen Eucken a la carte geschaffen: Was heute, ueber vierzig Jahre nach Euckens Tod, nicht mehr ins Bild passt, werde einfach ausgelassen.
Euckens 'erster Grundsatz' - 'Die Politik des Staates solle darauf gerichtet sein, wirtschaftliche Machtgruppen aufzuloesen oder ihre Funktionen zu begrenzen' - ist genauso radikal, wie er klingt. Eucken wusste, dass der freie Markt benutzt werden kann, um die Marktfreiheit auszuschalten: Fusionen und Kartelle, Monopole und Marktsperren sind die Folge eines unregulierten Marktes. Wirtschaftliche Machtkonzentration wird in politische Macht umgemuenzt und der Staat wird - in Euckens Worten - von der Wirtschaft 'gefesselt'. Nur die 'vollstaendige Konkurrenz' auf dem Markt koenne Machtkonzentrationen verhindern und dadurch die Freiheit garantieren. Eucken lehnte daher jede staatliche Prozessintervention ab, die den Wettbewerb behindern koennte: Keine Subventionen, keine Strukturfoerderung, keine Forschungsgelder, keine Schutzzoelle.
Diese Ideen widersprechen dem taeglichen Leben unserer zunehmend korporatistischen Wirtschaftsverfassung vollkommen. Lueder Gerken, Direktor des 'Walter Eucken Instituts', haelt den Oekonomen freilich fuer hochaktuell - er sei nur 'weiterentwickelt' worden. Die Fundamente euckenschen Denkens stuenden nach wie vor: Die Forderung nach einem voelligen Verzicht auf Prozessinterventionen und die Postulierung der gegenseitigen Abhaengigkeit einer freiheitlichen Rechts-, Staats- und Wirtschaftsordnung - die 'Interdependenz der Ordnungen'. Euckens Idee von der 'vollkommenen Konkurrenz', die durch eine aktive Wettbewerbspolitik des Staates vor der Wirtschaftsmacht geschuetzt werden muesse, halten die Freiburger heute dagegen unter dem Einfluss von Friedrich von Hayek fuer realitaetsfern. 'Die Kritik oekonomischer Macht war fuer Eucken zentral', meint der Frankfurter Publizist und Eucken-Enkel Walter Oswalt, 'und sie ist bei denen, die sich mit Eucken befassen, ganz aus dem Blickfeld getreten.' Oswalt glaubt nicht an den Mythos von der Freiburger Schule: Sie habe mit Euckens Tod im Jahre 1950 geendet, eine Weiterentwicklung habe nicht stattgefunden. Er leugnet auch Euckens Patenschaft fuer die deutsche Wirtschaftsordnung: 'Die deutsche Wirtschaftsordnung, zu deren Vaetern Eucken oft gerechnet wird, haette er wahrscheinlich nicht als soziale Marktwirtschaft bezeichnet.' Auf das, was mit seinem Nachlass geschieht, hat ein Toter eben keinen Einfluss.


Jakob Augstein

 

Person:

Eucken, Walter

Vorgang:

 

S9830 Industrie
E050 Volkswirtschaft
E9 Staat und Wirtschaft
C4WGE Bundesrepublik Deutschland


16807, SZH , 30.03.94; Words: 464

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