Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.01.2005



Innerklassenkampf


Heute sollte der "Financial Times Deutschland" eine weitere Folge ihrer "FTD-Wirtschaftsbibliothek" beiliegen: Walter Euckens "Grundlagen der Nationalökonomie", erschienen erstmals 1940. In der lieferbaren Buchausgabe der neunten Auflage umfaßt der Text runde dreihundert Seiten, die als Broschüre in der "Financial Times" auf zweiunddreißig zusammengeschnurrt werden sollten, aber so ist nun einmal das Konzept einer Reihe, die unter dem Motto "ökonomie: Die Klassiker kompakt" steht. Nicht jeder Autor hat sich eben derselben Disziplin befleißigt wie Karl Marx und Friedrich Engels, deren "Kommunistisches Manifest" mit unwesentlichen Kürzungen ins Zweiunddreißig-Seiten-Konzept der Reihe zu bringen war. In Adam Smiths vielhundertseitiger und zweibändiger Begründungsschrift der modernen ökonomie, "Der Wohlstand der Nationen", oder gar in John Maynard Keynes' "Allgemeiner Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" mußte dagegen noch weitaus drastischer gestrichen werden als im Falle Euckens - außer "unsichtbarer Hand" im einen und "Zinsfalle" im anderen Fall ist da kaum mehr etwas übriggeblieben. Aber eine Adam-Smith- oder John-Maynard-Keynes-Gesellschaft, die sich der Pflege des theoretischen Angedenkens an deren jeweilige Werke annehmen würde, gibt es hierzulande nicht, dafür jedoch residiert in Frankfurt am Main das "Walter Eucken-Archiv". Das hatte von der bevorstehenden Edition erfahren und schon einmal einen Blick in die gekürzte Ausgabe hineingetan, die schon seit zwei Monaten auf der Website eines kommerziellen Anbieters von Zusammenfassungen ökonomischer Texte stand, der seinerseits die "Financial Times" für deren Reihe beliefert. Was dort zu lesen war, scheint das Archiv nicht erfreut zu haben, denn es beantragte beim Landgericht Frankfurt eine einstweilige Verfügung gegen die Gratis-Beigabe, der vorgestern stattgegeben wurde: Es handele sich, so das "Walter Eucken Archiv", um eine "verfälschende Kurzfassung", die "voller falscher Behauptungen über das Werk und Leben Euckens" sei. Schlimm genug. Doch der eigentlich interessante Punkt folgt erst: Die Publikation bewege sich "in einer Grauzone zwischen Journalismus, Werbung und Lobbypolitik", denn auch die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" ist an der Herausgabe der "FTD-Wirtschaftsbibliothek" beteiligt. Es darf wohl als symptomatisch für die deutsche Gegenwart gelten, daß eine Institution, die den Namen eines der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft trägt, diesen Namen nicht in Verbindung gebracht sehen möchte mit einer aus der Wirtschaft getragenen Lobbyorganisation zugunsten einer "Neuen Sozialen Marktwirtschaft". Klassenkampf herrscht unter deutschen Marktwirtschaftlern, und so tief sind die Gräben zwischen alt- und neusozialen Vertretern des Konzepts, daß eine Edition, die mit einem englischen Euphemismus als "abridged" gelten darf, sie gerade nicht überbrückt, sondern vertieft. Euckens Buch, das sich vor allem der Analyse unterschiedlicher Wirtschaftssysteme widmet, muß wohl für die zehnte Auflage um ein weiteres Kapitel ergänzt werden, um dieser ideologischen Ausdifferenzierung noch folgen zu können. Das wird künftige Kurzfassungen noch mehr erschweren.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton 26.01.2005,
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main


zurück zur Übersicht