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TAZ, 20.06.1995, S. 10
Meinung und Diskussion
Walter Oswalt
Machtfreie Marktwirtschaft
Ohne ein Aufbrechen des gesellschaftlichen Konsenses der sozialen Marktwirtschaft
sind Reformen unmoeglich
Manchmal koennte man fast den Eindruck haben, als waere fuer Deutschland
die "Geburt der sozialen Marktwirtschaft" 1948 das, was fuer Frankreich
die Franzoesische Revolution ist. "Soziale Marktwirtschaft" ist heute
die erfolgreichste Leerformel der deutschen Politik. Jetzt reihen sich
auch die Gruenen mehr und mehr in den alle Interessengruppen ueberspannenden
Konsens der sozialen Marktwirtschaftler ein. Inzwischen wird sogar vorgeschlagen,
dass die Gruenen - als unverbrauchte liberale Partei - zu Erneuerern der
unverfaelschten "sozialen Marktwirtschaft" werden sollten (Sibylle Toennies
in der taz vom 10. 6.).
Aber was war das urspruengliche Konzept der "sozialen Marktwirtschaft"?
Wer nachforscht, stellt fest, dass dieser Topos deutschen Selbstverstaendnisses
auf einer Geschichtsverfaelschung beruht.
Von Erhard bis Kohl behaupten alle Bundesregierungen, die Konstruktionsplaene
der "sozialen Marktwirtschaft" seien in der NS- Zeit von den Oekonomen
und Juristen der "Freiburger Schule" entwickelt worden. Das macht sich
gut, gehoerten die Ordoliberalen doch zu den wenigen, die an deutschen
Universitaeten zum Nationalsozialismus standen. Doch die Behauptung, die
Ordoliberalen haetten "die theoretischen Richtlinien fuer die Wirtschaftspolitik
gegeben, die nach 1948 mit so grossem Erfolg in der Bundesrepublik praktiziert
worden ist" (FAZ), ist falsch. Trotzdem wird sie seit Jahrzehnten von
Zeitungen wie der FAZ und jetzt auch in der taz (Toennies, 10.6.) wiederholt.
Im Idealfall bedeutet "soziale Marktwirtschaft" marktkonformer Interventionismus:
Die Haerten des Kapitalismus sollen, ohne dass Marktmacht selbst in Frage
gestellt wird, durch die entschiedene Hand des Staates ausgeglichen werden.
Diese Wirtschaftspolitik der Systemkorrektur hat wenig mit der Grundidee
des Ordoliberalismus ("ordo", lat. Ordnung) zu tun: Walter Eucken (mit
Franz Boehm Begruender der Freiburger Schule) stellte 1946 fest: "Die
Lenkungsmethoden der freien Wirtschaft und der Zentralverwaltungswirtschaft
sind gescheitert. Kapitalismus und Sozialismus bekaempfen sich in der
Doktrin, de facto gehen sie ineinander ueber." Es war der "freie Markt",
der in Deutschland Konzerne ermoeglicht hatte, die sich in der NS-Zeit
"als Bausteine erwiesen, die leicht in das Gebaeude der Zentralverwaltungswirtschaft
eingebaut werden konnten".
Fuer den Ordoliberalismus war es deshalb nach 1945 genauso wichtig, wirtschaftliche
Macht zu verhindern, wie Demokratie und Rechtsstaat herzustellen. Dies
bedeutete zuerst, dass alle bestehenden Konzerne und Grossbanken aufgeloest
werden sollten: "Es sind also nicht die sogenannten Missbraeuche wirtschaftlicher
Macht zu bekaempfen, sondern wirtschaftliche Macht selbst." Grundprinzip
der ordoliberalen Wirtschaftsverfassung ist die Minimierung oekonomischer
Macht. Dementsprechend entwickelten die Ordoliberalen Vorschlaege, mit
denen das gesamte Rechtssystem vom Steuer- ueber das Patent- bis hin zum
Haftungsrecht grundlegend reformiert werden sollte. Haetten sich die Freiburger
Wissenschaftler durchgesetzt, gaebe es heute weder Grosskonzerne wie Daimler-Benz
und Hoechst noch die Deutsche Bank. Das Entmachtungskonzept scheiterte
aber an den Interessengruppen, die die NS- Zeit ueberdauert hatten und
auf die Adenauer- Regierung einen groesseren Einfluss ausuebten als die
Wissenschaftler aus Freiburg und die Anti- Trust- Fraktion in der US-Regierung.
Spaeter scheiterte die Konzeption einer "herrschaftsfreien Marktwirtschaft"
ein zweites Mal. Die 68er Bewegung verlor sich in der "Dialektik der Aufklaerung",
anstatt die Aufklaerung weiterzuentwickeln, wie es der Ordoliberalismus
anbot. Viel radikaler als die "Frankfurter Schule" war die "Freiburger
Schule". Waehrend die einen Wirtschaftsmacht irgendwie demokratisieren
wollten, wollten die anderen konkret Wirtschaftsmacht ueberhaupt abschaffen.
Und heute? Immer noch glauben Linke in Uebereinstimmung mit wirtschaftsliberalen
Rechten, dass kapitalistische Vermachtung ein geschichtsnotwendiger Prozess
ist. Deshalb mag vielen der Ordoliberalismus sympathisch sein, doch sein
Konzept erscheint unrealistisch. In Wirklichkeit ist der auch bei den
Gruenen verbreitete Glaube irreal, es koennte ernsthafte oekologische
und demokratische Reformen geben, wenn sich der Status quo der Vermachtung
fortsetzt. So kann nur eine dezentrale Energieversorgung ohne Energiekonzerne
klimavertraeglich sein. Oder: Nur wenn der Agroindustrie weltweit die
Freiheit genommen wird, die Marktfreiheit der Kleinbauern zu zerstoeren,
kann der Welthunger bekaempft werden.
Dieser "Sachzwang" fuer machtarme Maerkte gilt fuer die gesamte Verfassung
der Gesellschaft. Die Linke hat sich in den bundesdeutschen Grosskonsens
eingeordnet. Doch seine Grundformel "Vermachtete Marktwirtschaft + demokratischer
und sozialer Rechtsstaat Freiheit" ist falsch. Ganz legal kann sich im
schoensten Sozialstaat Wirtschaftsmacht bilden, die Demokratie und Rechtsstaat
lahmlegen kann. So werden zunehmend Umweltnormen, die ueber Gesundheit
und Leben entscheiden, nicht demokratisch beschlossen, sondern von industrieabhaengigen
Interessenvertretern in ganz Europa festgelegt, ohne dass deshalb ein
einziges Ecu-Bestechungsgeld notwendig waere. Die Deutsche Bank braucht
keine eigenen Minister, um am Kabinettstisch vertreten zu sein. Ihre blosse
Verfuegungsmacht ueber Kredite, Steueraufkommen und Arbeitsplaetze genuegt.
Auf solche Erkenntnisse ueber die "Transformation der Demokratie" reagierte
die alte Linke mit der Ablehnung von Gewaltenteilung, Parlamentarismus
und Wettbewerbsmaerkten. Der Ordoliberalismus kommt ueber eine Gesellschaftskritik,
die mit der marxistischen starke Beruehrungspunkte aufweist, zu genau
entgegengesetzten Resultaten:
die grossen sozialen Erfindungen der Aufklaerung muessen konsequent weitergedacht
und endlich auch auf die Wirtschaft angewendet werden; das Prinzip der
Machtminimierung darf nicht auf die innerstaatliche Gewaltenteilung beschraenkt
bleiben; eine machtfreie Marktwirtschaft ist genauso in der Verfassung
zu verankern wie das Wahlrecht, denn sie ermoeglicht das "permanente Plebiszit
der Konsumenten" (Franz Boehm) - als einzige Form der Wirtschaftsdemokratie,
die wir kennen. Um diese radikalliberale Wirtschaftsverfassung durchzusetzen,
braucht es linke Energien, eine breite Bewegung zur Abschaffung verfassungsfeindlicher
Organisationsformen in der Wirtschaft - seien es Medienkonzerne oder marktbeherrschende
Banken. Erst wenn die "soziale Marktwirtschaft" durch eine "machtfreie
Marktwirtschaft" abgeloest wird, koennen Demokratie und Rechtsstaat so
funktionieren, wie es das Grundgesetz verlangt.
Walter Oswalt
Freier Journalist in Frankfurt/Main
111671, TAZ , 20.06.95; Words: 852 , NO: T950620.87
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