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TAZ, 08.07.1999, S. 12
Walter Oswalt
Der andere Liberalismus
Warum die Grünen für eine machtfreie
Wirtschaft sein sollten
Junge Realo-Grüne erklären ähnlich wie Modernisierer der
Sozialdemokratie, daß sie das " brach liegende geistige Erbe des
verantwortungsvollen Liberalismus aufnehmen" wollen. Doch was meinen sie,
wenn sie von Liberalismus reden?
"Liberal", das ist die neue alte Mitte - "jenseits von rechts und links".
Schröders Vordenker Hombach verlangt einen "neuen Korporatismus"
mit der Großindustrie. Junge Grüne fordern, daß aus den
Grünen ein Dienstleistungsunternehmen wird. Die letzten Berührungsängste
vor der Wirtschaft sollen fallen. Doch das hat mit Liberalismus nichts
zu tun.
Der Liberalismus entstand ursprünglich, um Machtstrukturen abzuschaffen.
Das enge Zusammenwirken zwischen Staatsmacht und den ersten großen
Kapitalgesellschaften - das war einer der Auslöser der bürgerlichen
Revolutionen. Die Liberalen begründeten das Primat der Demokratie
über die Wirtschaft, gegen die alte merkantilistische Ordnung, in
der schon damals der Staat sich als Dienstleistungsunternehmen für
die Wirtschaft verstand.
Die klassischen Liberalen, von Overton über Paine bis Eucken, glaubten
tatsächlich an die Möglichkeit, die Wirtschaftsordnung neu zu
konstituieren. Große Kapitalkonzentrationen waren für sie nicht
Folgen einer naturgesetzlichen Marktlogik, sondern Ergebnisse staatlicher
Interventionen. Was der Staat schafft, kann er auch wieder abschaffen.
Mit dem von den Liberos belächelten Glauben an den großen gesellschaftlichen
Entwurf gelang es, den demokratischen Rechtsstaat durchzusetzen. Doch
der Liberalismus hat nur zur Hälfte gesiegt - die oligopolistische
Marktwirtschaft gewann die Oberhand über die machtfreie. Zwar gelang
es in den frühen USA für eine Weile, ein Kapitalgesellschaftsrecht
durchzusetzen, das Konzernbildungen untersagte. Doch schließlich
setzten sich die Kapitalinteressen durch. So sind selbst die freiheitlichsten
Verfassungen bis heute in sich widersprüchlich. Einerseits konstituieren
sie Rechtsstaat und Demokratie, andererseits lassen sie ein Wirtschaftssystem
zu, das diese Institutionen permanent gefährdet.
Großkonzerne wurden bisher durch unzählige machtfreundliche
politische Weichenstellungen hervorgebracht. Dieser Prozeß läßt
sich auch umkehren: Alle wirtschaftsrelevanten Rechtsbereiche - vom Steuer-
über das Patent- bis zum Verfassungsrecht - müssen so reformiert
werden, daß der Konzentration ökonomischer Macht systematisch
die bisherige staatliche Unterstützung entzogen wird. Auf diese Weise
kann der Trend zur Konzentration umgedreht werden. Wenn Kapitalgröße
unrentabel wird, werden sich im Profitinteresse der Kapitalbesitzer die
einzelnen Weltkonzerne in viele Hunderte selbständige Unternehmen
auflösen.
Genau hier setzen die radikalliberalen Grünen in Österreich
an. In dem linken Entwurf für ein neues grünes Grundsatzprogramm
steht : "Funktionierender Leistungswettbewerb ist das beste Entmachtungsinstrument,
über das wir verfügen. Deshalb müssen die Prinzipien des
freien Marktes gegen den bestehenden Kapitalismus und gegen seine ideologischen
Vertreter durchgesetzt werden."
Die Liberos trauen sich soviel Liberalismus nicht zu. Tatsächlich
ist ihr Manko nicht zuviel, sondern zuwenig Liberalismus. Statt für
den freien Markt einzutreten, setzen sie sich dafür ein, im Schatten
der Großkonzerne die Folgen der unfreien Marktwirtschaft zu kompensieren
- zum Beispiel durch eine bessere Mittelstandspolitik. Das Wunderwort
heißt bei ihnen wie bei der modernisierten SPD soziale Marktwirtschaft.
Es handelt sich aber um einen Etikettenschwindel. Die "soziale Marktwirtschaft"
wird seit Erhard mit dem Ordoliberalismus verbunden. Unterschlagen wird
dabei, daß ordoliberale Wissenschaftler (z. B. Eucken, Böhm)
nach 1945 in Gutachten die Auflösung der Großkonzerne forderten,
die das ökonomische Rückgrat des NS-Systems gewesen waren. So
entwarfen sie eine machtfreie Wirtschaftsverfassung, die für eine
freie Gesellschaft genauso wichtig ist wie Rechtsstaat und Demokratie.
Dieses Erbe dieses Liberalismus gilt es weiterzuentwickeln. Das ist die
Aufgabe der Grünen: Denn die Alternative zum Neoliberalismus ist
der starke Liberalismus.
Walter Oswalt
Der Autor arbeitet als freier Journalist in Frankfurt
299125, TAZ , 08.07.99; Words: 551 , NO: T990708.148
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