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Frankfurter Rundschau,
14.07.1999, S. 20
Kapitalismus für alle.
Durch die Entmachtung der Großkonzerne zur demokratischen Moderne
Walter Oswalt über
die grüne Idee eines Gesellschaftsvertrags für Österreich
und Europa.
Die Überwindung des bisherigen Kapitalismus der Großindustrie
ist eine Grundvoraussetzung für demokratische und ökologische
Politik. Der Philosoph und Publizist Walter
Oswalt, der zur "ersten Generation" der Grünen im Frankfurter Römer
gehörte, hat im Auftrag der Grünen Bildungswerkstatt einen Entwurf
für das Grundsatzprogramm der Grünen in Österreich vorgelegt,
der auch für die innerparteiliche Richtungsdebatte der bundesdeutschen
Grünen interessant ist. Wir dokumentieren Auszüge. Der vollständige
Text des Entwurfs "Ein neuer Gesellschaftsvertrag für Österreich
und Europa" ist mit 14 Kommentaren (deutsch und englisch) als Veröffentlichung
der Parteistiftung der österreichischen Grünen erhältlich:
Grüne Bildungswerkstatt Bund, Lindengasse 40; A 1070 Wien.
Wer über ökonomische Macht schweigen will, soll über Demokratie
und Menschenrechte nicht sprechen: Die Verwirklichung ökologischer
und demokratischer Politik ist in einem vermachteten Wirtschaftssystem
nicht möglich. Es entwickeln sich immer größere Konzentrationen
ökonomischer Macht, die allein auf Grund ihrer Kapitalstärke
über politische Macht verfügen. Mit dieser staatenähnlichen
Macht sind die großen Konzerne in der Lage, die Regeln des Handelns
mehr und mehr zu bestimmen. Auf stillem Wege, gestützt durch das
Rechtssystem und das Gewaltmonopol des Staates, entsteht eine informelle
Gegenverfassung.
Auf der Ebene der Europäischen Union sind die Konzerne in vielen
EU- Gremien, die Entscheidungen vorbereiten, selbst stark vertreten: Zum
Beispiel gibt es auf der EU-Ebene Normungsgremien, außerkonstitutionelle
Quasilegislativen, die Grenzwerte und andere Standards mit Hilfe von Vertretern
aus der Großindustrie festlegen.
Indem sie normierende Rahmenbedingungen schaffen, bestimmen multinationale
Konzerne über die Lebensbedingungen von dreihundertsiebzig Millionen
Europäern. Was dürfen wir essen? Unter welchen Bedingungen haben
wir zu wohnen und zu arbeiten? Die Konzerne entscheiden wesentlich über
unsere Zukunft, über Kultur und Natur, Pflanzen und Tiere, Wasser,
Luft und Klima. Alle Verfassungsinstitutionen werden auf diese Weise demokratisch
und rechtsstaatlich außer Kraft gesetzt und umfunktioniert.
In der Regel wird die Zerstörung von Demokratie und Lebensgrundlagen
als eine Folge der Dominanz des "freien Marktes" gesehen. Die Grünen
widersprechen dieser üblichen Kapitalismuskritik. Von freier Marktwirtschaft
kann nicht die Rede sein. Keines der größten Unternehmen der
Welt hat seine Größe ohne staatlichen Protektionismus erreicht.
Konzerne verhindern nicht nur Demokratie, sondern genauso den freien Markt.
Und umgekehrt: Konzerne verdanken ihre Existenz undemokratischen Verfahrensweisen
der Staaten und der Blockade des offenen Leistungswettbewerbs.
Die meisten Menschen sind durch den Protektionismus, den die reichen Länder
im Interesse der Multis betreiben, von der Möglichkeit ausgeschlossen,
unternehmerisch an freien Märkten teilzunehmen. Dies bedeutet für
Millionen von Kleinbauern, Kleinhändlern, und Handwerkern in der
"Dritten Welt" Hunger und Armut.
Auch in den reichen Industrieländern verhindert die Vermachtung der
Märkte selbständige Existenzmöglichkeiten und bringt damit
Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von Staatsbürokratien hervor.
Darüber hinaus ist die Bedrohung der Freiheit der Demokratie und
der Freiheit des Marktes die Hauptursache für die Zerstörung
der ökologischen Lebensgrundlagen. Die Mehrzahl der großen
Unternehmen der Welt baut ihre Macht nicht auf Marktleistungen auf. Mineralöl-,
Auto- und Chemiekonzerne konnten große Imperien bilden, indem sie
sich mit Hilfe der Staaten Rechte zur Enteignung der zukünftigen
Generationen gesichert haben.
Die Konzentration der Macht in der Wirtschaft bewirkt, daß die Staaten
als Demokratien schwach, als Herrschaftsapparate aber stärker und
unkontrollierbarer werden. Es waren mächtige Staatsbürokratien
und interventionistische Regierungen, die seit dem Anfang der Moderne
die Grundbedingungen für die kapitalistische Kapitalakkumulation
künstlich geschaffen und durchgesetzt haben - nicht nur gegen die
Interessen der ökonomisch Abhängigen, sondern auch gegen die
kleineren und mittleren Selbständigen. Großkonzerne sind also
nicht die Resultate einer "freien Marktwirtschaft", die es bisher nicht
gegeben hat, sondern Geschöpfe von Staatsapparaten.
Wirtschaftmacht gilt im Allgemeinen als die Folge übermäßiger
Marktfreiheit, ökologische Probleme als Folge übertriebenen
Eigentumsschutzes. Doch zu wenig Wirtschaftsfreiheit schafft Wirtschaftmacht.
Mangelnder Eigentumsschutz verursacht ökologische Zerstörung.
Das Primat der menschenrechtlichen Demokratie durchsetzen Die Grünen
brechen mit dem gesellschaftlichen Konsens, der die Existenz wirtschaftlicher
Macht als unvermeidbar hinnimmt. Die Grünen bestehen auf dem Primat
der Demokratie, auf der Freiheit, zwischen verschiedenen Entwicklungslogiken
zu wählen. Wir müssen die Existenz ökonomischer Machtkonzentrationen
nicht hinnehmen. Sie sind kein Naturprodukt. Genauso, wie sie bisher durch
unzählige machtfreundliche Weichenstellungen auf allen Ebenen der
Politik hervorgebracht wurden, so läßt sich dieser Prozeß
- wenn der politische Wille dafür stark genug wird - auch umkehren:
sei es auf der Ebene der Verwaltungsakte, der Verordnungen, Gesetze oder
der Verfassung.
Alle wirtschaftsrelevanten Rechtsbereiche - vom Steuer- über das
Patent- bis zum Verfassungsrecht - müssen so reformiert werden, daß
der Konzentration ökonomischer Macht systematisch die bisherige staatliche
Unterstützung entzogen wird. Auf diese Weise kann der Trend zur Konzentration
in einen Trend zur Dekonzentration verwandelt werden.
Wir brauchen eine politische Bewegung zur Durchsetzung einer Wirtschaftsordnung,
die Menschenrechte als Grundlage einer freien Gesellschaft konsequent
auf die Ökonomie anwendet. Deshalb setzen die Grünen genau dort
an, wo ein Tabu herrscht: Wir fordern eine Grundsatzentscheidung über
die Wirtschaftsordnung. Die Systemfrage muß wieder gestellt und
beantwortet werden.
Mit dem Engagement für eine machtfeindliche Konstitution des Wirtschaftssystems
ziehen die Grünen Konsequenzen aus mehreren Jahrzehnten Bürgerbewegungen
in Österreich, West- und Osteuropa, den USA und in der "Dritten Welt".
Trotz aller Teilerfolge ist es nicht gelungen, die existentiellen Weichenstellung
gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen durchzusetzen. Der in Rio
mit großen Worten angekündigte Prozeß einer globalen
Politik für die Rettung der Lebensgrundlagen ist nicht in Gang gekommen,
weil die Interessengruppen von der Auto- bis zur Chemieindustrie mächtiger
sind als die demokratische Öffentlichkeit. Deshalb genügt es
nicht, eine Symptomkorrektur anzustreben. Die Ursachen der Reformblockade
müssen selbst bekämpft werden.
Wir werden die Macht der großen Konzerne nur brechen können,
wenn wir eindeutig für die Armen Stellung beziehen und uns gegen
den großen Reichtum stellen. Wir brauchen Solidarität, eine
neue Internationale für den kleinen Kapitalismus auf globalen Märkten.
Doch die politische Ökonomie des demokratischen Sozialismus konterkariert
diese Ziele: Beschäftigungsprogramme neu aufzulegen, Staatsbetriebe
zu konservieren oder den gewerkschaftlichen Monopolismus zu schützen
- das alles verschärft die ökonomischen Machtkonzentrationen
und ihre Folgen.
Und der Liberalismus? Wir werden die Macht der großen Konzerne nur
überwinden, wenn wir uns als radikale Liberale dem freiheitsfeindlichen
"Neoliberalismus" entgegenstellen. Funktionierender Leistungswettbewerb
ist das beste Entmachtungsinstrument, über das wir verfügen.
Konsumentendemokratie auf entmachteten Märkten ist die einzige Form
von Wirtschaftsdemokratie, die realisierbar ist. Deshalb müssen die
Prinzipien des freien Marktes gegen den bestehenden Kapitalismus und gegen
seine ideologischen Vertreter durchgesetzt werden.
Die Grünen lehnen deshalb den Statusquo-Liberalismus ab, der individuelle
Freiheit ideologisch beansprucht, aber wirtschaftliche Machtausübung
und damit die ökonomische und politische Unfreiheit der Individuen
meint. Er fordert Leistungswettbewerb und propagiert dabei eine Sozialisierung
der Verluste.
Neoliberalismus und Sozialdemokratie unterscheiden sich in dem Maß,
in dem sie die Folgen der unbegrenzten Kapitalakkumulation durch Maßnahmen
des Staates kompensieren wollen. Doch beide Positionen haben eine grundsätzliche
Gemeinsamkeit: Sie halten fälschlicherweise den Prozeß der
ökonomischen Machtkonzentration für einen prinzipiell unvermeidlichen
Prozeß.
Um eine Zukunftsperspektive entwickeln zu können, müssen wir
zu den revolutionären Ursprüngen der modernen Demokratien zurückkehren.
Zurück zu den revolutionären Ursprüngen: Der starke Liberalismus
als Alternative zum Neoliberalismus In allen bürgerlichen Revolutionen
entfalteten sich zwei unterschiedliche, ja gegensätzliche Arten der
Moderne, die bis heute für zwei grundsätzlich verschiedene Gesellschaftsentwürfe
stehen.
Auf der einen Seite standen die Wegbereiter der Menschenrechte, die heute
meistens vergessen sind: Hier waren ursprünglich radikale Demokratie,
egalitäres Recht und kosmopolitischer Individualismus durch freie
Waren- und Meinungsmärkte untrennbare Bestandteile eines einzigen
revolutionären Ziels.
Für die Moderne der Selbstbestimmung, den starken Liberalismus, ist
die Freiheit des Individuums der Wert, an dem die Legitimität der
gesamten Gesellschaftsordnung gemessen werden muß. Die Leveller
wie John Lilburne, Robert Overton und William Walwyn in der englischen
Revolution, Revolutionäre wie Tom Paine oder William Findley bei
der Entstehung der Vereinigten Staaten, der Cercle Social in der Französischen
Revolution: Für sie alle galten Menschenrechte universell - das heißt,
sie richteten sich von vorne herein gegen alte wie neue Herrschaft, gegen
staatliche Willkür wie gegen wirtschaftliche Macht.
Auf der anderen Seite entwickelte sich die Moderne des Funktionalismus,
der schwache Liberalismus. Diese Vorläufer des heutigen Neoliberalismus
tendieren dazu im Interesse von Staats- und Wirtschaftsmacht, die Freiheit
des Individuums zu instrumentalisieren. Wirtschaftliche und politische
Freiheit wird in dieser Tradition nur insoweit gefordert, wie sie anderen
Zielen dienstbar gemacht werden kann, sei es der Kapitalakkumulation und
der politischen Macht für wenige oder auch dem Wirtschaftswachstum
für einen größeren Teil der Bevölkerung.
Der schwache Liberalismus, wie ihn John Locke, die Physiokraten und die
meisten amerikanischen "Verfassungsväter" vertreten, wird bis heute
mit der demokratischen Moderne und dem Liberalismus schlechthin identifiziert.
Trotzdem ist der starke Liberalismus nicht untergegangen. Er tauchte in
der Geschichte immer wieder auf - zum Teil wirksam in wichtigen öffentlichen
Auseinandersetzungen, zum Teil im Untergrund, an den Rand der Aufmerksamkeit
abgedrängt. Im neunzehnten Jahrhundert gab es in den USA eine Anticharterbewegung;
später, nach deren Scheitern, die Antimonopol- und Antitrustbewegung,
die die Existenz von großen Aktiengesellschaften bekämpften,
weil solche staatlich geschaffenen Kunstgebilde ein freies Unternehmertum
und eine liberale Demokratie verhindern.
Im zwanzigsten Jahrhundert war die starkliberale Moderne geprägt
von der Erfahrung , daß - wie im nationalsozialistischen Deutschland
geschehen - Konzerne den Weg zum Totalitarismus mitbereiteten. In den
dreißiger und vierziger Jahren entwickelten z. B. in den USA und
Deutschland kritische Ökonomen und Juristen (Ordoliberalismus) wirtschaftswissenschaftliche
Konzepte der Entmachtung.
Die Grünen sehen in dieser Tradition der Entmachtung einen entscheidenden
und unverzichtbaren Anstoß zur Lösung der gegenwärtigen
Probleme: Die Alternative zum Neoliberalismus ist der starke Liberalismus.
Die grüne Realpolitik des starken Liberalismus Die Grünen machen
mit der Verwirklichung einer für alle Menschen freien Marktökonomie
tatsächlich ernst: Sie treten ein für die Globalisierung im
Sinne universeller Marktregeln und gegen nationalen oder transnationalen
Protektionismus. Sie beziehen Stellung für Individualisierung und
gegen Neokorporatismus. Sie fordern Kapitaleigentum für alle und
bekämpfen die Enteignung der Mehrheit. Die Grünen befürworten
das Leistungsprinzip auf den Märkten und lehnen die Politik der "Besitzstandswahrung"
ab.
Die Hauptursache für die Entstehung von wirtschaftlicher Macht ist,
daß genau jene Prinzipien nicht erfüllt werden, die bei der
jetzigen Veränderung der Weltwirtschaft beansprucht werden: Die Globalisierung,
wie sie heute betrieben wird, ist ein gigantischer Partikularismus: Etwa
80 Prozent des Welthandels finden innerhalb des reichsten Fünftels
der Weltbevölkerung statt. Ganze Erdteile wie Afrika sind von der
Weltwirtschaft praktisch abgehängt. Die Wirtschaftsbeziehungen sind
zudem zu einem großen Teil gar keine Marktbeziehungen. Etwa ein
Drittel des Welthandels besteht aus quasi planwirtschaftlichen Verteilungsvorgängen
innerhalb von multinationalen Konzernen.
Von der Modernisierung der Macht zur Modernisierung durch Entmachtung
Aber es gibt keinen Automatismus: Ob transnationale Vernetzung durch Informationstechnologien
oder weltweite Abhängigkeit durch ökologische Zerstörung
- die gegebenen Fakten erlauben nicht nur verschiedene Handlungsschritte,
sondern eröffnen die Wahl zwischen gegensätzlichen Handlungslogiken:
Die Staaten können den schwachliberalen Weg einschlagen, dem Druck
des sogenannten Standortwettbewerbs nachgeben und eine modernisierte Form
des Protektionismus für die Großindustrie wählen. Dann
bedeutet Globalisierung ein Qualitätssprung in der Vermachtung. Dann
wird die selektive Marktöffnung in eine Marktschließung und
Demokratiegefährdung neuer Stufe münden. Tatsächlich nähern
wir uns auf diesem Weg einem globalen Feudalismus.
Die ökonomisch maximale Machtkonzentration im Weltmaßstab wäre
ein antidemokratisches Herrschaftssystem von einigen Oligopolisten, unter
denen es auch einen gewissen Austausch der Eliten geben könnte.
Es ist aber auch die starkliberale Strategie möglich: Die Globalisierung
kann genutzt werden, um die bestehenden Wirtschaftskonzentrationen zu
entmachten und einen großen Schritt in Richtung offener Weltbürgerrepubliken
zu gehen. Die konsequente Öffnung der Weltmärkte, die tatsächliche
Durchsetzung des Leistungswettbewerbs, würde keinen Machtgewinn für
die Großkonzerne bedeuten, sondern das Gegenteil bewirken: Eine
Politik der konsequenten Globalisierung im liberalen Sinne würde
das Ende der Existenz der Medien-, Finanz-, und Industriekonzerne einleiten
und die heute meist für unerfüllbar gehaltenen großen
Ziele der demokratischen Moderne realisieren helfen.
Neue Technologieentwicklungen verursachen unter den bestehenden politischen
Rahmenbedingungen eine Neuorganisation und Eskalation der Vermachtung.
Unter Verhältnissen einer starkliberalen Politik könnten aber
die gleichen technologischen Innovationen Chancen zur Entmachtung freisetzen.
Bei entsprechenden rechtlichen Regelungen würden zum Beispiel die
Entwicklungen der Mikroelektronik, der elektronischen Kommunikation und
Solartechnik eine Entstehung von Millionen von global agierenden Kleinunternehmen
bewirken und das Verschwinden der großen Machtkonzentrationen unterstützen.
Mehr noch: Rahmenbedingungen der Machtminimierung würden andere Technologien
hervorbringen als bisher unter Verhältnissen der Machtkonzentration
entstanden sind. Die Innovationen wären vielfältiger, ökologischer,
fehlerfreundlicher, intelligenter.
Bisher herrscht das Paradigma des schwachen Liberalismus: Heute bedeutet
Globalisierung in der Wirtschaft den Umbau und die Verschlankung der Konzerne
durch Abstoßung unrentabler Bereiche, aber gleichzeitig Konzernvergrößerung
durch Fusionen, Übernahmen, neue Beteiligungen. Globalisierung bedeutet
innere Dezentralisierung der Multis zur Effizienzsteigerung, aber Beibehaltung
der zentralistischen Kapitalkonzentration; Auslagerung von immer mehr
Tätigkeiten aus den Großunternehmen auf kleine Unternehmen,
aber gleichzeitig neue Netze der Abhängigkeit für Kleinunternehmen
und Kunden. Nationale Staatsmonopole werden aufgelöst, aber dafür
wird die Bildung internationaler Oligopolisten staatlich protegiert. Nationale
Kartelle zerbrechen, aber weltweite Allianzen entstehen.
Die Grünen sehen realpolitische Möglichkeiten, an diesem nur
auf den ersten Blick deterministisch ablaufenden Umbau der Machtstrukturen
anzusetzen und die vorhandene Dynamik in die andere Richtung zu lenken.
So kann der Wechsel zur Wirtschaftspolitik des starken Liberalismus vollzogen
werden.
Die Grünen knüpfen zu diesem Zweck an den vorhandenen Modernisierungstendenzen
an und entwickeln sie wirtschaftspolitisch weiter. Ein Beispiel: Im Rahmen
der Shareholder Value-Strategie werden innerhalb von ineffektiv gewordenen
Konzernen Mechanismen freier Märkte imitiert. Es geht um mehr Selbständigkeit
und Leistungswettbewerb statt Hierarchie und Bürokratie. Die Dezentralisierung
der inneren Strukturen wurde durch die innere Aufteilung der Multis in
Profitcenter und Konzerngesellschaften vorangebracht, die sich im Wettbewerb
mit anderen Konzernteilen bewähren sollen. Die Dynamisierung und
Dezentralisierung im Inneren der monolithischen Machtgebilde ist die Voraussetzung
dafür, daß in einer zunehmend globalisierten Weltwirtschaft
die zentralistischen Kapitalkonzentrationen weiter wachsen können.
Aber die interne Dezentralisierung der Multis würde bei korrekter
Anwendung der Prinzipien des Leistungswettbewerbs und des freien Marktes
schließlich auch den Kern des Ganzen, die Kapitalverhältnisse,
umfassen und müßte so zur Auflösung der Weltkonzerne in
viele Hunderte bis Tausende von selbständigen Unternehmen führen.
Daß dies nicht geschieht, liegt nicht in der unveränderbaren
"Logik des Kapitals" begründet. Statt wie bisher systematisch Marktmacht
zu fördern, muß sie - ebenso systematisch - benachteiligt werden,
damit sie verschwindet - wie sie umgekehrt entstanden ist.
Desubventionierung Deshalb ist zusammen mit der globalen Marktöffnung
eine konsequente Desubventionierung der Wirtschaft notwendig. Bisher findet
durch die herrschende Standortpolitik ein Rückzug des Staates aus
der Subventionierung "sterbender" Branchen statt. Dafür werden Industrien,
die vom Staat für zukunftsfähig gehalten werden, subventioniert.
Beendete man dagegen die Subventionierung im vollen Umfang und würde
Machtbildung statt wie bisher ständig bevorzugt genauso konsequent
benachteiligt, könnte das Gewinninteresse der Kapitalisten von dem
Interesse, Marktmacht zu bilden, abgekoppelt werden. Der Trend zur Konzentration
könnte in einen Selbstläufer der Dekonzentration verwandelt
werden.
Die bisherigen Anteilseigner der Großunternehmen hätten plötzlich
ein vitales Interesse, "ihre" Konzerne in viele kleinere Firmen zu zerlegen,
die voneinander unabhängig sind. Dies wäre nämlich der
einzige Weg, um wieder Rendite zu erwirtschaften. Die Tausenden Profitcenter,
die bisher innerhalb der einzelnen Weltkonzerne durch den Zwang zur Kapitalkonzentration
zusammengehalten werden, würden so zu eigenständigen Unternehmen
auf machtfreien Märkten werden.
Die Grünen fordern: Es muß generell verhindert werden, daß
dem Bürger über die Steuer Kapital entzogen und Großunternehmen
ohne Gegenleistung zugeleitet wird.
Dafür genügt es aber nicht, jede Art von punktueller und direkter
Subventionierung zu streichen. Die größten Subventionsleistungen
werden durch als selbstverständlich geltende Normen in vielen Gesetzen
verursacht.
Je größer ein Unternehmen ist, um so größer sind
die vom Staat auf dem Weg der ganz normalen steuerlichen Abschreibung
gewährten Investitionszuschüsse. Zum Beispiel: Auf dem Weg normaler
Verlustabschreibungen finanziert der Steuerzahler Großbetrieben
die Verluste unrentabler Produktionsstätten , die, als unabhängige
Unternehmen betrieben, längst zum Konkurs geführt hätten.
Gleiche Regeln für alle Individuen geltend zu machen, erfordert also
"überneutrale" Gesetze. Mit steigender Kapitalgröße müßten
die normalen Abschreibungsmöglichkeiten kontinuierlich sinken, damit
kein Marktteilnehmer auf Grund seines Vermögens vom Staat bevorzugt
wird.
Leistungsfremde Besitzstände konsequent abbauen Doch die Desubventionierung
der Großindustrie ist nur der erste Schritt zur Entmachtung. Es
genügt nicht, in Zukunft den Protektionismus zu stoppen. Die Folgen
des Protektionismus der Vergangenheit müssen abgebaut werden, wenn
wir die Märkte tatsächlich öffnen und die verschiedenen
Formen der Enteignung beenden wollen. Der rücksichtslose Abbau des
Sozialstaats wird vom Status-quo-Liberalismus mit der Formel vertreten,
es dürfe keine "Tabus bei dem In-Frage-stellen von Besitzständen"
geben. Die Grünen antworten hierauf: Es darf tatsächlich keine
Tabus geben, wenn es darum geht, Besitzstände abzubauen, die ohne
Wettbewerbsleistung oder durch Nichtleistungs- Wettbewerb entstanden sind.
Einerseits müssen wir dabei den großen Strom an Kapital berücksichtigen,
der über direkte Subventionen, Sonderabschreibungen, normale Abschreibung,
monopolistische Patentrechte und Haftungsbeschränkung sowie Extragewinne
auf vermachteten Märkten den Großbanken und Konzernen im Lauf
von vielen Jahrzehnten ohne Gegenleistung zugeflossen ist und den Bürgern
weggenommen wurde. Dazu gerechnet werden muß der Raubbau an ökologischem
Kapital, der direkt und indirekt die Machtbasis eines großen Teils
der Großindustrie bildet. Müßte nachträglich der
tatsächliche Preis für die bereits stattgefundene Zerstörung
von Weltklima, Böden, Artenvielfalt, Meeren, Urwäldern . . .
gezahlt werden, sehr viele der weltgrößten Industriekonzerne
müßten den Konkurs anmelden, weil die von ihnen angerichteten
Schäden unbezahlbar sind: Ein entscheidendes Instrument, um leistungskonforme
Wettbewerbsverhältnisse auf den globalen Märkten herzustellen,
ist, wie der Ordoliberalismus gefordert hat, die Abschaffung der Haftungsbeschränkung
für Kapitalgesellschaften - heute ergänzt durch ein konsequentes
Haftungsrecht bei ökologischen Schäden. Unternehmen wie Shell,
Hoechst oder General Motors könnten bei Anwendung des Leistung- und
Haftungsprinzips durch ihre Mitverantwortung allein für die Klimazerstörung
kaum weiterexistieren.
Individualistischer Kapitalismus statt "Herrschaft des Kapitals" Die mächtigen
Aktiengesellschaften bestehen zu einem großen Teil aus den in der
Vergangenheit von den Bürgern erbrachten finanziellen Leistungen.
Ihnen wurde Kapital entzogen: Sie haben es, ohne gefragt worden zu sein,
in die Kapitalgesellschaften investiert. Es ist einfach eine Frage der
Leistungsgerechtigkeit, daß diese unter Umgehung des freien Marktes
zusammengefügten Kapitalien wieder aus ihrem Zwangsverbund gelöst
werden und als frei verfügbares Produktiveigentum den einzelnen Bürgern
zurückgegeben werden. Die Forderung nach der verfassungsrechtlichen
Anerkennung der versteckten Eigentumsrechte aller Bürger ist eine
alte uneingelöste Forderung des radikalen Liberalismus. Sie wurde
vor 200 Jahren zum Beispiel von Thomas Paine erhoben, dem Protagonisten
der Menschenrechte und Vorkämpfer eines Amerika des Kapitalismus
für alle.
Um dieses Ziel unter den heutigen Bedingungen zu erreichen, ist eine breite
gesellschaftliche und wissenschaftliche Debatte notwendig. Die Grünen
stellen dabei folgenden Vorschlag zur Diskussion: Es wäre sinnvoll,
eine Entmachtungssteuer einzuführen. Es ginge dabei darum, den Cash
Flow insoweit und solange abzuschöpfen, bis die Großunternehmen
durch Schrumpfung und Aufspaltung ihre politische, ökonomische und
ökologische Macht verloren haben. Das Kapital, welches durch die
Entmachtungssteuer gewonnen wird, sollte nicht dem Staatshaushalt zugeführt
werden, sondern den einzelnen Bürgern als Gutschriften zum Erwerb
von Kapitalanteilen ihrer Wahl zufließen.
Auf die gleiche Weise sollen die Einnahmen aus einer konsequent progressiven
Erbschafts- und Vermögensteuer verwendet werden, die einerseits kleinen
und mittleren Unternehmern einen großzügigen Freibetrag gewährt,
anderseits sehr große Vermögen mit einem Grenzsteuersatz bis
zu 100 Prozent belastet. Durch diese radikalliberale Privatisierung korporatistischer
Machtgebilde erhalten alle Bürger ein Grundkapital. Jeder kann dann
selbst entscheiden, ob er oder sie mit dem Kapital ein Unternehmen gründen
will, sich an einem Betrieb als Mitarbeiter und Anteilseigner aktiv beteiligen
oder eher passiv zur Alterssicherung Kapitalanteile an verschiedenen Unternehmen
erwerben möchte.
Da durch die Entmachtungssteuer Großbetriebe keine Rendite erbringen
und sich früher oder später sowieso auflösen, werden die
Bürger das Kapital automatisch in kleinere Unternehmen investieren.
Das individuelle Interesse an der Profitmaximierung würde auf diese
Weise einen ständigen Trend zur Dekonzentration bewirken.
Auf diese Weise lassen sich Punkt für Punkt die vermachteten Strukturen
auflösen und für alle Bürger freie Märkte schaffen.
Durch die Entmachtungspolitik des starken Liberalismus werden Rechtsstaat
und Demokratie im Zeitalter der Globalisierung funktionsfähig. Das
ist die Voraussetzung dafür, daß die sozialen, ökonomischen
und ökologischen Probleme gelöst werden können.
559655, FR , 14.07.99; Words: 3135 , NO: 07060776
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