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TAZ, 20.03.2000, S. 11
Meinung und Diskussion
Klaus-Rainer Brintzinger
Portrait Walter Eucken
Seit die Fusionswelle in der Weltwirtschaft rollt, werden die Theorien
des berühmten deutschen Ökonomen Walter Eucken wieder heftig
diskutiert
Der Name Walter Eucken fällt häufig, wenn in der Wirtschaft
Großfusionen anstehen. Der heute vor 50 Jahren gestorbene Volkswirtschaftsprofessor
hatte die Bedeutung des Wettbewerbs bereits hervorgehoben, als selbst
die CDU in ihrem Parteiprogramm noch die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien
forderte. Zusammen mit einer Gruppe liberal gesinnter Professoren hatte
Eucken in Freiburg schon während des Zweiten Weltkrieges eine Wirtschaftsordnung
für das Nachkriegsdeutschland entworfen. Eucken war dabei ein erhebliches
Risiko eingegangen: Zwei seiner Professorenkollegen kamen ins Gestapo-Gefängnis,
Eucken selbst entging nur knapp der Verhaftung.
Die Konfrontation mit dem nationalsozialistischen Staatsapparat prägte
den Volkswirt nachhaltig. Die Vermeidung von Machtkonzentration müsse
künftig Grundlage jeder Wirtschaftsordnung sein. Eucken glaubte nicht
an die klassisch-liberale Vorstellung der harmonischen Selbstregulierung
des Marktes. In der von ihm geprägten Idee des Ordoliberalismus soll
der Staat über die Aufrechterhaltung der Wirtschaftsordnung zu wachen.
Die ideale Wirtschaftsordnung sah Eucken im Modell der vollkommenen Konkurrenz
mit vielen Anbietern und Nachfragern verwirklicht. Dabei müsse der
Markt gelegentlich vor sich selbst geschützt werden, wenn durch Fusionen
und Kartelle Marktprinzipien außer Funktion gesetzt werden. In den
sechziger und siebziger Jahre gerieten Euckens Gedanken vorübergehend
in Vergessenheit. Heute stellt sich Euckens wissenschaftliche Fragestellung
fast jeden Tag erneut: Soll der Staat Großfusionen wie zwischen
Deutscher und Dresdner Bank unterbinden oder können in der Wirtschaft
des 21. Jahrhunderts ohnehin nur große Global Players überleben?
Die neuere Wettbewerbstheorie hat zwar gezeigt, dass vollkommene Konkurrenz
nicht zwingend erforderlich ist und Märkte auch bei zunehmender Konzentration
noch ganz gut funktionieren. Der Lebensmittelmarkt mit steigender Konzentration
und zugleich sinkenden Preisen gilt als Paradebeispiel. Doch Eucken ging
es nicht in erster Linie um niedrige Preise, sondern um die Vermeidung
von Macht. "Je mehr Macht die einzelnen besitzen, um so größer
ist die Gefahr, dass ein Konflikt zwischen dem Einzelinteresse und dem
Gesamtinteresse entsteht", schrieb er kurz vor seinem Tod. Eucken hatte
dies auf die Politik und auf die Wirtschaft bezogen und ist damit heute
aktueller denn je.
337492, TAZ , 20.03.00; Words: 345 , NO: T000320.106
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