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TAZ, 19.07.2000, S. 9
Wirtschaft und Umwelt
HANNES KOCH
Die Grünen zwischen Markt und Staat
Zusammen mit liberalen Ökonomen diskutieren Spitzengrüne
über ihre zukünftige Wirtschafts- und Sozialpolitik
BERLIN.taz. Der äußerste Südwesten der Republik ist anders.
Nicht nur der Wein schmeckt lieblicher und die Sonne brennt heißer
als im Norden. Auch vermeintliche Gegensätze fallen dort oft nicht
so widersprüchlich aus.
Wo der deutsche Liberalismus - der nahen Französischen Revolution
gedankt - im 19. Jahrhundert erstmals politischen Einfluss gewann, verstehen
sich heute wirtschaftsliberale Ökonomen und grüne Politiker
so gut, dass sie gemeinsam ein Buch herausgeben. Den Band "Grüne
Ordnungsökonomik" präsentierten Ralf Fücks, Chef der den
Grünen nahen Heinrich-Böll-Stiftung, und Siegmar Mosdorf, Staatssekretär
bei Wirtschaftsminister Werner Müller, gestern in Berlin. Die darin
enthaltenen Beiträge sollen klären helfen, wo zwischen den Polen
Markt und Staat die grüne Wirtschafts- und Sozialpolitik angesiedelt
sein sollte.
Die dem Buch zugrunde liegende Tagung - ein "Experiment", wie Fücks
betonte - fand im vergangenen Februar in Bleibach bei Freiburg statt.
Dort residiert das Walter-Eucken-Institut, das nicht nur mit der Böll-
Stiftung zusammen die Aufsatzsammlung herausgibt, sondern zuvörderst
die Ideen des ordoliberalen Ökonomen pflegt und weiterentwickelt.
Eucken gilt als intellektueller Vater der sozialen Marktwirtschaft, die
CDU- Wirtschaftsminister Ludwig Erhard in die Praxis umsetzte.
An diese Ideen, die zum Rüstzeug vieler CDU- und FDP-Politiker gehören,
knüpfen prominente Grüne in ihren Buchbeiträgen nun an.
Dass der freie Markt nur dann als Regelungsinstanz für das Wirtschaftsleben
funktioniert, wenn ihm ein staatlicher Rahmen zur Gewährleistung
von Chancengleichheit, sozialen und ökologischen Zielen gegeben wird,
ist für die Autoren nahezu unstrittig. Interessant wird die Debatte
freilich, sobald es an die Ausführung und Übersetzung in Handlungsanweisungen
für den politischen Alltag geht.
Ralf Fücks legte den Grünen nahe, in Zeiten des zunehmenden
wirtschaftlichen Egoismus die Bedeutung "öffentlicher Güter"
wie Bildung und eines vernünftigen Systems sozialer Absicherung zu
betonen, sowie den "öffentlichen Zugang zu Basiswissen" zum Beispiel
in der Gentechnik zu sichern. Demgegenüber markierte Lüder Gerken,
Direktor des Eucken- Instituts, eine eher neo- als ordoliberale Position.
Die Arbeitslosigkeit werde schon verschwinden, wenn man die Regelungsdichte
auf dem Arbeitsmarkt radikal verringere, so Gerken. Anders ausgedrückt:
Wenn es keinen gesellschaftlich definierten Minimallohn gibt, werden schließlich
alle Arbeitslosen einen Job finden - für 3,50 Mark pro Stunde.
HANNES KOCH
Lüder Gerken/Gerhard Schick (Hrsg.):
"Grüne Ordnungspolitik - eine Option moderner Wirtschaftspolitik?".
Marburg 2000. Metropolis-Verlag. 408 S.
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