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TAZ, 12.09.2000, S. 14
Kultur
SIBYLLE TÖNNIES
Die Wissenschaft in der Familienpflege
Gegen das Misstrauen machen sich die Nachkommen der Vordenker des Ordoliberalismus
um das Erbe verdient
In der amerikanischen Soziologie spielt die Unterscheidung zwischen ascription
und achievement eine große Rolle. Es geht um die Frage, auf welche
Weise Menschen zu Status kommen: unverdient durch Geburt oder verdient
durch Leistung. Im ersten Fall nimmt die Gesellschaft eine auf Herkunft
beruhende Zuschreibung vor; im zweiten Fall würdigt sie die eigene
Anstrengung des Individuums. Je moderner eine Gesellschaft, desto mehr
neigt sie dazu, ihre Statushierarchie an die persönliche Leistung
zu knüpfen.
Man sollte deshalb annehmen, dass der angeborene Status heute keine Rolle
mehr spielt - oder jedenfalls nur in Bereichen, die aus der Vormoderne
hereinragen, nicht aber in Bereichen, die der Moderne angehören,
nicht also im Bereich der Wissenschaft. Hier qualifiziert man sich nicht
durch die Abstammung von einem großen Wissenschaftler, sondern durch
eigene Leistung. Legitime Nachfolger von Gelehrten sind nicht seine Kinder
und Enkel, sondern die ausgezeichneten Schüler: diejenigen, die ihr
Werk mit Schweiß bearbeitet und es in die Nachwelt tradiert haben:
achievement.
Nun kommt es aber immer wieder vor, dass eine Vermischung eintritt: dass
die leiblichen Nachkommen dieselben sind, die sich dem Werk eines Gelehrten
mit Schweiß widmen. Dann wird die Lage kompliziert. Denn so eindeutig
befinden wir uns nicht in der modernen Gesellschaft, dass ascription nicht
doch weiterhin eine Rolle spielte. Der das Werk seines Vorvaters bearbeitende
Abkömmling steht mit den anderen Forschern nicht in gleicher Reihe,
sondern erfährt eine besondere Zuschreibung - sei es zu seinen Gunsten,
sei es zu seinen Ungunsten. Zu seinen Gunsten, wenn die wissenschaftliche
Welt seiner Interpretation des Werkes aufgrund der Verwandtschaft eine
höhere Autorität zuschreibt; zu seinen Ungunsten, wenn sie,
um diesen Fehler zu vermeiden, eine übertriebene Gegenbewegung vornimmt
und die Arbeit des Nachkommen mit einem unverdienten Soupçon versieht.
Den ersten Fall - die falsche Legitimation durch Verwandtschaft - hat
die Geistesgeschichte in geradezu traumatischer Weise erlebt, als Nietzsches
Schwester Elisabeth Förster aufgrund ihres Rassismus eine gezielte
Auswahl und Zusammenstellung der Schriften ihres Bruders vornahm, die
ihn zu einem Vordenker des Faschismus machte. Den zweiten Fall - die unberechtigte
Delegitimierung, den die mögliche Zuschreibung übertrieben kompensierenden
Soupçon gegen den Nachkommen - habe ich hier im Auge, und zwar
im Falle des Ordoliberalismus.
Dieser in den Dreißigerjahren, im Widerstand gegen Hitler, entwickelten
Gedankenwelt kann man heute nur nahe kommen, wenn man sich auf ascription
verlässt, auf die der Verwandtschaft zugeschriebene Autorität,
und dem achievement misstraut, den Bemühungen, die in den Universitäten
und Instituten vorgenommen werden. Denn hier besteht die Merkwürdigkeit,
dass die Botschaft der Gründerväter nur noch in deren Familien
gepflegt wird.
Der Ordoliberalismus behauptet, dass die Marktwirtschaft, wenn man ihr
freien Lauf lässt, wirtschaftliche Verklumpungen - Monopole, Oligopole
und Kartelle - bildet, die keine Konkurrenz mehr zulassen und das freie
Spiel der Kräfte, das der Vorzug dieser Wirtschaftsform ist, behindern
und auf die Dauer lahmlegen. In den Universitäten und Instituten
beruft man sich zwar gern auf diese Lehre, fühlt sich aber angesichts
immer neuer Elefantenhochzeiten, immer neuer Abstützung wirtschaftlicher
Unternehmungen durch Staatsgelder nicht zum Protest aufgerufen. In den
Wissenschaften ist der Ordoliberalismus totes Bildungsgut. Seine Koryphäen
- Eucken, Rüstow, Röpke, Böhm - sind in der Welt des achievement
zu Zierbüschen degradiert, die bei Festakten still und stumm als
Pflanzenkübel herumstehen und eine gehobene Stimmung verbreiten.
Der antimonopolistische Grundgedanke des Ordnungsliberalismus wird in
seinem Veränderung heischenden Charakter heute nur noch von den Familien
gepflegt.
Um so stärker wirkt auf Seiten des achievements der kompensierende
Soupçon entgegen. Euckens Enkel Walter Oswalt etwa hat sich bei
dem Versuch, die reine Lehre seines Großvaters in eine fusionsfreudige
Gegenwart zu tragen, gegen Verdächtigungen zu wehren, unter denen
die durch achievement ausgezeichneten Gelehrten nicht zu leiden haben.
Obwohl er ein durch eine Dissertation über den klassischen Liberalismus
promovierter Philosoph und Universitätsdozent ist, wird er im Wirtschaftsteil
der FAZ verhöhnt, weil er in seiner Jugend eine Gärtnerlehre
gemacht hat. Statt dass er als Kenner des Liberalismus des 18. Jahrhunderts
zu Rate gezogen würde, bringt man gern in Erinnerung, dass er vorzeiten
als Grünen-Aktivist über die Stränge geschlagen ist. Die
Rivalität des achievements gegen die Konkurrenz der ascription schlägt
in seinem Fall voll durch.
Zwar erfährt Eucken viel Beachtung - in diesem Jahr wurde groß
gefeiert, dass er seit fünfzig Jahren tot ist -, aber eher als Konifere
denn als Koryphäe. In die Eingangshalle des nach ihm benannten Freiburger
Instituts wurde ein Porträt Friedrich A. Hayeks gehängt; erst
nach geraumer Zeit wurde man sich der Peinlichkeit bewusst und hängte
ihm Eucken gegenüber. Dessen Schreibtisch, seine Bibliothek und zurückgelassenen
Schriften fanden im Institut keine Verwendung und wurden der Familie ungeordnet
zur weiteren Verwendung überlassen. Mit diesem Material hat der Enkel
Oswalt in bewusster Alternative zum Freiburger Institut das "Walter-Eucken-Archiv"
gegründet, aus dessen Bestand er bisher unveröffentlichte Schriften
Euckens herausgibt. Nach dessen "Ordnungspolitik" erscheint nun ein Rüstow-Bändchen.
Das Eucken-Institut hingegen gibt zwei Schriftenreihen heraus, in denen
Friedrich A. Hayek mit sieben eigenen und sechs ihn erörternden Texten
erscheint, während es in diesen, Euckens Namen führenden Reihen
weder von noch über ihn auch nur eine einzige Monographie gibt. Hayek
aber muss man als den Antagonisten der Ordoliberalen verstehen. Er sah
Monopolisierung als notwendige Erscheinungsform eines gesunden Kampfes
ums Dasein an.
Ascription oder achievement? Gegenüber beiden Seiten ist Misstrauen
angebracht: Gegenüber der Seite der ascription besteht der Verdacht
einer Trübung der Objektivität infolge des mangelnden Abstandes
zur Sache, infolge einer zu großen Vernarrtheit in das Werk des
Vorvaters; der Seite des achievements aber ist zu misstrauen, wenn die
dem Mainstream widersprechende Botschaft Karrierebedürfnissen im
Wege ist. Denn so ist es heute in den Wirtschaftswissenschaften: Wer nicht
ultraliberal eingestellt ist, kommt nicht weit. Hinzu kommt die Tatsache
der Förderung der Forschung durch die Wirtschaft. Die Forschung hat
sich finanziell von Kreisen abhängig gemacht, die an dem antimonopolistischen
Impuls des Ordoliberalismus nicht interessiert sein können. Während
die Angehörigen der Familien Rüstow und Eucken stolz sind auf
ihre persönliche Verbindung zu den Gründungsvätern des
Ordoliberalismus, weist das Eucken-Institut stolz auf seine Förderung
durch die Commerzbank hin. Auch hier ist ein Soupçon berechtigt.
SIBYLLE TÖNNIES
366772, TAZ , 12.09.00; Words: 996 , NO: T000912.123
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