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TAZ, 20.09.2000, S. 13
Kultur
SIBYLLE TÖNNIES
Scharfe Wendung nach links
Was kann die politische Linke der totalen Monopolisierung der Wirtschaftswelt
entgegensetzen? Der Ordoliberalismus versammelt die schärfsten Fusionskritiker
hinter sich und bietet neue Perspektiven
Sind die Begriffe "rechts und links" noch zu einer politischen Abgrenzung
imstande? Darüber wurde in Deutschland nach 1989 viel debattiert.
Neulich traf ich einen Franzosen, der sich darüber wunderte, dass
diese Begriffe bei uns in Frage gestellt werden. "Natürlich bin ich
links!", sagte er. "Was denn sonst!" Er hat einen alten Bauernhof in den
Pyrenäen und produziert dort - am Rande des Ruins, aber vergnügt
- biologisches Rindfleisch. Er ist in einer Initiative aktiv, die sich
für die kleinförmige Landwirtschaft einsetzt und darum kämpft,
dass sie nicht von der Konkurrenz der großen, europäisch subventionierten
Agrarindustrie untergepflügt wird. Und natürlich war er dabei,
als in einer Nacht des vorigen Jahres die neue McDonalds-Filiale abgeräumt
wurde.
Linke Monopole
Nicht gerade ein typischer Linker, würde man sagen. Er ist selbständiger
Unternehmer, und auch seine Abneigung gegen Monopole und Mammutbetriebe
macht ihn nicht etwa zu einem Linken. Denn die Linken hatten gegen Monopole
nicht mehr einzuwenden als gegen kapitalistische Unternehmen überhaupt.
Es gab im Gegenteil unter den Linken sogar eine bedeutende, "Stamokap"
genannte Fraktion, die alle Hoffnungen auf die Monopolisierung richtete.
Man meinte, der Übergang in den Sozialismus sei umso leichter, wenn
sich das Kapital schon im Kapitalismus konzentriert habe. Es fiele dann
dem Volkseigentum und damit der Zentralwirtschaft wie eine reife Frucht
in den Schoß.
Die Frage, was "rechts und links" noch bedeutet, hängt also ganz
davon ab, ob man die Begriffe eng und ökonomisch definiert - dann
ist der französische Biobauer sicherlich kein Linker -oder ob man
sie weit und sozial fasst und danach fragt, wie sich die Sympathien zwischen
Groß und Klein und Oben und Unten verteilen - dann ist er einer.
Insofern handelt es sich um eine unfruchtbare terminologische Streitfrage.
Dahinter steht aber ein wichtiges inhaltliches Problem. Wer derselben
Auffassung ist wie dieser Biobauer, wer die ausufernde Macht der Monopole
und Kartelle bedrohlich und eine Ordnung wünschenswert findet, in
der solche Konzentrationen unmöglich sind, der würde sich gern
ideologisch irgendwo einordnen und entbehrt ein geistiges Zuhause. Entkleidet
man die linke Denkwelt nämlich ihrer ökonomischen Basisannahmen,
löst man sie ab von der Frage Privat- oder Volkseigentum, so verliert
sie ihre traditionellen Züge ebenso wie ihren theoretischen Charakter
und wird ein schwammiges Gebilde. Mit "links" bezeichnet man dann zwar,
wo das Herz schlägt, aber kein ökonomisches Konzept.
Der Antimonopolismus hingegen ist keineswegs diffus. Er hat eine sowohl
praktisch als auch theoretisch bedeutende Tradition. Sich über diese
praktische und theoretische Tradition zu informieren ist das Gebot der
Stunde für alle diejenigen, die zwar ihre Neigung zu sozialistischer
Zentralverwaltung abgelegt haben, aber doch in einer Gesellschaft leben
möchten, die nicht von wirtschaftlichen Machtblöcken dominiert
wird.
Praktisch spielt der Antimonopolismus - als Anti-Trust-Bewegung - in der
amerikanischen Wirtschaftsgeschichte schon lange eine bedeutende Rolle.
Seine Lebendigkeit zeigt sich jetzt wieder in Sachen Microsoft. Er ist
eine seit dem "Sherman Anti-Trust Act" von 1890 mal vordringende, mal
zurückgedrängte Kraft. 1945 hat er die radikale Entflechtung
der Aluminiumindustrie bewirkt. Der Ausgang des Verfahrens gegen Microsoft
wird ein Epoche machendes Datum sein.
Theoretisch - und darum soll es hier gehen - aber hat der Antimonopolismus
seine ausgefeilteste Form in Deutschland gefunden. Er wurde in den Dreißigerjahren
der Monopolfreudigkeit Adolf Hitlers entgegengerichtet und von der "Freiburger
Schule" erarbeitet: von Wirtschaftswissenschaftlern, die sich teils in
äußerer, teils in innerer Emigration befanden - Walter Eucken
und Franz Böhm in Deutschland, Alexander Rüstow und Wilhelm
Röpke im Exil. 1932 hatten sie ihr Konzept, das sie "Ordo" nannten,
gerade noch im Verein für Sozialpolitik vorstellen können, bevor
sie durch die Machtübernahme zerstreut wurden. Damit war ihr Konzept
allerdings nicht gestorben. In heimlichen Verbindungen wurde es weiterentwickelt
und hatte seine große Stunde nach 1945, als die neu entstehende
Bundesrepublik ein Leitbild für ihre Wirtschaftsverfassung brauchte.
Walter Eucken und seine Freunde lieferten in der Zeit unter Ludwig Erhard
das Konzept der sozialen Marktwirtschaft. Da dieses Konzept noch immer
das offiziöse Leitbild der Gesellschaft bietet, scheint es so, als
ob die Bundesrepublik wirtschaftspolitisch unter dem Stern des Ordoliberalismus
stünde (siehe auch taz vom 12. 9.).
In Deutschland entkernt
Aber dieses Leitbild ist nur offiziös. Es ist eine Maske. Das ordoliberale
Programm ist in Deutschland nämlich nie durchgeführt worden.
Man hat es dadurch entkernt, dass man den Antimonopolismus herausgelassen
hat. Übernommen und gepflegt wurden am Ordoliberalismus nur das klare
Bekenntnis zum freien Tauschhandel und die deutliche Absage an jede Art
von Zentralwirtschaft. Die wichtige Rolle, die der Staat im Ordoliberalismus
spielt - er hält den Markt rigoros von Konkurrenz behindernden Verklumpungen
frei, er schwebt unabhängig über den Wirtschaftsfraktionen und
gewährleistet durch das Verbot von Fusionen und Kartellen das freie
Spiel von Angebot und Nachfrage -, diese Rolle, die den Namen "Ordo" rechtfertigt,
hat man der Bundesrepublik nicht zugewiesen. Man hat zugelassen, dass
sie sich in die Abhängigkeit von wirtschaftlichen Machtkonzentrationen
begeben hat.
Walter Eucken wird zwar gern in Festreden und Publikationen zitiert. Die
Passagen aber, in denen er beklagt, dass die Staatsautorität in demselben
Maße abgenommen hat wie die Staatstätigkeit an Umfang zugenommen
hat, werden unterschlagen. Ungewürdigt bleibt zum Beispiel dieser
Satz, in dessen Wahrheit die Parteispendenaffäre uns gerade einen
kleinen Einblick gibt: "Man stellt es sich meist nicht anschaulich genug
vor, welch wesentlichen, oft entscheidenden, aber unkontrollierten Einfluss
Verbände der Industrie, Landwirtschaft und des Handels, größere
Monopole und Teilmonopole, Konzerne und Gewerkschaften auf die Willensbildung
der Staaten ausüben." Die in Deutschland herrschende Ideologie, der
Pluralismus, für den Politik das zufällige Ergebnis des Geschiebes
der Pressure-Groups ist, findet diesen Sachverhalt in Ordnung. Für
den Ordoliberalismus aber ist er der Stein des Anstoßes. Ohne dieses
Element ist der Ordoliberalismus als offiziöses Gesellschaftsbild
nur eine Maske.
Versetzen wir uns wieder in die Lage der antimonopolistisch orientierten,
theoriebedürftigen Linken, so ist ihnen die Annäherung an den
Ordoliberalismus zum einen durch dessen Staatsbezogenheit erschwert. Sie
sollten bedenken, dass sich die Staatstätigkeit im ordoliberalen
Konzept im Übrigen im Hintergrund hält: Wirtschaft und Gesellschaft
sollen freier werden - sie sollen erst wirklich frei werden. Der Staat
sorgt nur für die Rahmenbedingungen dieser Freiheit.
Ja zum Warentausch
Ungewohnt ist den Linken auch die ordoliberale Marktbezogenheit, das uneingeschränkte
Bekenntnis zum Warentausch. Franz Böhm sagte: "Der Mensch tauscht,
weil er als einziges Lebewesen zu dieser Transaktion befähigt ist,
ohne eine Ahnung davon zu haben, wie genial er ist." Die alten Linken
verabscheuten den Tausch (die von Adorno beeinflussten verstanden ihn
als das Reich des Todes) und setzten auf zentrale, gerechte Verteilung.
Daran lässt sich bei einer Annäherung an die Ordoliberalen nicht
festhalten. Genau wie Adam Smith sind sie davon überzeugt, dass in
dem egoistisch motivierten Tauschverkehr eine unsichtbare Hand wirksam
ist, die über die individuelle Absicht hinaus für allgemeine
Gerechtigkeit sorgt; anders als Adam Smith aber sind sie durch die Geschichte
darüber belehrt, dass diese Hand nur funktioniert, wenn der Staat
durch machtvolle Eingriffe für gleiche Konkurrenzbedingungen sorgt.
Da, wo das Herz links schlägt, geht es richtigerweise und losgelöst
von aller Theorie um soziale Gerechtigkeit. Sieht man genau hin, so stellt
man fest, dass Alexander Rüstow das Erbrecht mit aller Schärfe
bekämpft hat. Er forderte den Staat auf, die großen Erbmassen
zu konfiszieren und umzuverteilen. Auch Eucken ging es letzten Endes um
eine Einebnung der sozialen Unterschiede. Er sagte: "Soziale Gerechtigkeit
sollte man durch Schaffung einer funktionsfähigen Gesamtordnung und
insbesondere dadurch herzustellen suchen, dass man die Einkommensbildung
den strengen Regeln des Wettbewerbs, des Risikos und der Haftung unterwirft."
Die Regeln des Wettbewerbs vertragen sich nicht mit Machtanhäufung;
die Regeln des Risikos verbieten Subventionen, die Regeln der Haftung
aber gebieten, dass alle durch die Wirtschaft verursachten (insbesondere
ökologischen) Schäden von denen ersetzt werden, die sie verursachen.
In einer solchen Ordnung stünde der französische Biobauer wesentlich
besser und McDonalds mitsamt der Agrarindustrie wesentlich schlechter
da.
Der Ordoliberalismus ist nur scheinbar die Theorie des Status quo. Im
Gegenteil: Die Kräfte, die sich jetzt unter der Fahne "Deconcentration
international" (www.Deconcentration.org) sammeln, suchen den Aufruhr.
Und wenn sich jetzt Grüne - insbesondere in Österreich - die
Frage stellen, ob sie ihr Programm auf eine ordoliberale Grundlage stellen
wollen, so wird dieser Weg als scharfe Wendung nach links empfunden.
367985, TAZ , 20.09.00; Words: 1341 , NO: T000920.106
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TAZ, 26.09.2000, S. 11
Meinung und Diskussion
Sich selbst zerstörender Markt
betr.: "Scharfe Wendung nach links", taz vom 20. 9. 00
Es ist sehr zu bezweifeln, dass gerade im Ordoliberalismus neue Perspektiven
für die Linke liegen. Erstens muss berücksichtigt werden, dass
die von Tönnies gepriesenen Werke von Eucken und Co. vor 50 Jahren
entstanden sind. Eucken schrieb vor dem Hintergrund einer Staats- und
Kriegswirtschaft. Woher soll die Fähigkeit des Staates zur Rahmensetzung
im entwickelten und globalisierten Kapitalismus kommen? Wie soll die Wirtschaftsferne
in der Praxis aussehen? Die Isolierung des guten und starken Staates scheint
hier idealisiertes Wunschbild zu sein.
Zweitens gibt es sehr wenig Berührungspunkte zwischen linken und
ordoliberalen Gerechtigkeitsvorstellungen. Richtig ist, dass Chancengerechtigkeit
bei manchen klassisch-liberalen Theoretikern (John Stuart Mill plädierte
vehement für eine hohe Erbschaftssteuer) und den genannten Ordoliberalen
formuliert wird. Aber was für Linke nur die Basisbedingung darstellt,
ist für die Ordoliberalen bereits das Ende der Fahnenstange.
Auf die Frage, wie unter ordoliberalen Rahmenbedingungen eine "Einebnung
der sozialen Unterschiede" erfolgen soll, blieben Eucken und Co. eine
Antwort schuldig, da mehr als Leistungsgerechtigkeit gar nicht ihr Ziel
war. Wichtig an Eucken und Co. bleibt ihre Erkenntnis, dass dem Markt
ein selbstzerstörerisches Element innewohnt. Scharfe Antitrustpolitik
allein, ganz abgesehen von ihrer Realisierbarkeit in der globalisierten
Weltwirtschaft, kann allerdings keine hinreichende linke Antwort geschweige
denn Perspektive darstellen.JAN NILL, Berlin
Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor. Veröffentlichte
Briefe geben nicht unbedingt die Meinung der taz wieder.
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Artikeltyp:
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LeserInnenbrief
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369210, TAZ , 26.09.00; Words: 240 , NO: T000926.208
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