Das Leben Alexander Rüstows

Alexander Rüstow wurde 1885 in ein von preußischem Militär und protestantischem Pietismus geprägtes Elternhaus geboren. Sein Vater war General. Sowohl gegen das Preußentum als auch gegen den Protestantismus hat sich Rüstow später gewendet.

1903 machte er in Berlin Abitur. Sein Studium legte er denkbar breit an: Mathematik, Physik, klassische Philologie, Philosophie, Nationalökonomie und Jurisprudenz. Er promovierte über ein Thema, das seine logischen mit seinen altphilologischen Interessen verband: "Der Lügner — Theorie, Geschichte und Auflösung" ist eine Arbeit über das kretische Paradoxon. Bis 1914 arbeitete er im Teubner-Verlag, der klassische Texte herausgab. Am ersten Weltkrieg nahm Rüstow als Leutnant teil. Der Krieg riss ihn — wie so viele seiner Generation — aus seinem traditionellen Weltbild, und er kehrte, wie er selbst sagte, "als radikaler Sozialist und Marxist" zurück.

Entscheidenden Einfluss auf sein Werk nahm Franz Oppenheimer. Wie Oppenheimer verwendete Rüstow den Begriff "Überlagerung", mit dem eine nicht auf endogener Entfaltung, sondern auf exogener Machtausübung beruhende Gesellschaftsstruktur bezeichnet ist. Die Betonung dieses Elements drückt einen Grundzug in Rüstows Denken aus: sein ausgeprägtes Bewußtsein für den Faktor des aktiven, subjektgeleiteten Handelns.

Oppenheimer bereitete Rüstow auch insofern auf den Ordoliberalismus vor, als er in seinem Engagement gegen die Ausbeutung der Landarbeiter den Großgrundbesitz wegen seiner monopolistischen Wirtschaftsmacht bekämpfte.

Zunehmend stellte Rüstow fest, dass er im Sozialismus nur die Ideale, nicht aber den Weg, auf dem sie zu verwirklichen waren, finden konnte. Als er 1918 Referent für Allgemeine Wirtschaftsfragen im Reichswirtschaftsministerium wurde, unterstützte er nicht die Bestrebungen nach einer sozialistischen Planwirtschaft, sondern die Bemühungen, Kartelle und Monopole zu verhindern. Rüstow war an den der Vorbereitung der deutschen Kartellverordnung von 1923 beteiligt. Über die mangelnde Fähigkeit des Weimarer Staates, eine wirksames Kartellrecht zu beschließen und durchzusetzen, machte er sich aber keine Illusionen. Denn er lernte in seiner Tätigkeit "den Ansturm der Interessenhaufen" auf den Staat kennen. "Jeder Interessent reißt sich ein Stück Staatsmacht heraus und schlachtet es für seine Zwecke aus." Auf diese Weise sei der Staat nicht mehr "Subjekt, sondern leidendes Objekt" Carl Schmitt hatte das Phänomen unter dem Stichwort "Staat als Beute" beschrieben. Anders als dieser sah Rüstow die Rettung aber nicht in der Diktatur, sondern in der Entflechtung wirtschaftlicher Macht - ein Ziel für das er sein Leben lang kämpfte.

1924 wurde Rüstow gekündigt. Rüstow ging daraufhin in die Wirtschaft. Bis zu seiner Emigration 1933 leitete er die wirtschaftspolitische Abteilung des Dachverbandes deutscher Maschinenbauunternehmen. Er setzte seine Tätigkeit gegen Wirtschaftsmacht insofern fort, als er im Dienste dieses Verbandes relativ kleiner Unternehmen gegen die "oligopolistischen und protektionistischen Kräfte in der Kohle- und Stahlindustrie und darüber hinaus in der Großindustrie überhaupt sowie bei den Junkern und anderen protektionistischen Agrariern" kämpfte. Aber er stand jetzt auf der Unternehmerseite. Er wurde zu einem Liberalen, der sich für die Interessen des Mittelstands einsetzte.

Diese Entwicklung führte zu heftigen Diskussionen unter seinen politischen Freunden, die sich 1920 als "Kairos-Kreis" zusammengefunden hatten. Zu ihnen gehörten Paul Tillich, Adolf Löwe und Eduard Heimann. Der gemeinsame Ausgangspunkt war ein "religiöser Sozialismus", von dem Rüstow sich immer mehr entfernte. Vollends unvereinbar wurden die Positionen, als Alexander Rüstow 1932 seine berühmt gewordene Rede vor dem Verein für Socialpolitik hielt. In dieser Zeit hatte sich Rüstow schon dem Kreis um Walter Eucken angeschlossen, zu dem vor allem auch Franz Böhm gehörte. So entstand der Ordoliberalismus, in dessen Geist Rüstows Rede zum Thema "Freie Wirtschaft — Starker Staat" stand. In dieser in Dresden gehaltenen Rede führte Rüstow aus, "dass die gegenwärtige deutsche Krise zu einem erheblichen Teil durch Interventionismus und Subventionismus der öffentlichen Hand verursacht" sei, und kritisierte, dass der Staat die Störungen des Wirtschaftslebens nicht aktiv, sondern lediglich "reaktiv" behebe; er handle "reaktionär" im wörtlichen wie im geläufigen Sinne. Demgegenüber forderte Rüstow "einen starken Staat, der über den Gruppen, über den Interessenten steht, einen Staat, der sich aus der Verstrickung mit den Wirtschaftsinteressen […] wieder herauslöst". Rüstows Rede gilt ebenso wie Walter Euckens im selben Jahr erschienener Aufsatz "Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus" als Manifest des frühen Ordoliberalismus.

Im Kairos-Kreis stieß "der rednerische Erfolg in Dresden" auf Befremden. Löwe schrieb an Rüstow, seine "Fiktion eines über den Parteien stehenden Staates" sei ein "Rückfall in den deutschen Idealismus". Eduard Heimann warf ihm vor, er habe sich mit dieser "reinen Staatsmystik" endgültig von seinen "geistigen Wurzeln" abgeschnitten. Dennoch blieb Rüstow den alten Freunden verbunden. Ihr soziales Engagement hielt sie zusammen. Bis zu seinem Tod stand Rüstows Arbeit im Dienste der Parteinahme für die sozial Schwachen. Ihm ging es um die Verbesserung der "Vitalsituation" (ein von ihm geschaffener Ausdruck) der Massen. Insofern blieb Rüstow immer — manchmal auch explizit — dem sozialistischen Ideal verbunden.

Die 1932 in Dresden gehaltene Rede konnte keine praktischen Wirkungen mehr haben. "Wirtschaftspolitisch schließt das Jahr vor einem sich rapid und bedrohlich verdüsternden Horizont", schrieb Rüstow am 30. Dezember 1932. Im Frühjahr 1933 nahm die Gestapo bei ihm eine Hausdurchsuchung vor. Schnell stand für ihn fest, dass er in der "Stickluft", die ihm in dem "von Hitler überlagerten Deutschland den Atem verschlug", nicht leben wollte. Im Sommer 1933 reiste er in die Schweiz und bereitete seine Emigration vor. Er wandte sich an die "Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland", die im Auftrag von Kemal Atatürk Akademiker zum Aufbau der türkischen Universitäten anwarb, und wurde ebenso wie sein Freund Wilhelm Röpke nach Istanbul vermittelt. Im Dezember 1933 wanderte Rüstow, nachdem er in dritter Ehe Lorena Vitzthum geheiratet hatte, mit dieser zusammen aus.

Auch im türkischen Exil stand Rüstow in Dienste des Antifaschismus. Er vermittelte zwischen dem US-Militär und dem deutschen Widerstand, namentlich dem in die Türkei gereisten Graf Helmuth J. von Moltke — leider vergeblich, denn die amerikanische Seite konnte kein Vertrauen gewinnen. So scheiterten Verhandlungen, die nach Rüstows Ansicht "im Falle ihres Gelingens den Gang der Weltgeschichte wesentlich verändert haben würden".

Der Kontakt zur " Freiburger Schule" ging nicht verloren. Rüstow pflegte einen lebhaften Briefwechsel mit Walter Eucken und, nachdem dieser 1937 nach Genf gegangen war, mit Wilhelm Röpke. 1938 nahm Rüstow ebenso wie Röpke am "Colloque Walter Lippmann" in Paris teil. Er stellte hier seine Theorie einer "subtheologischen Befangenheit" des klassischen Liberalismus vor, der nach seiner Analyse von einem quasireligösen Vertrauen in die Allmacht des Marktautomatismus geprägt sei.

Bei dem Pariser Treffen kam es zu einem offenen Wiederspruch zwischen Alexander Rüstows und Friedrich von Hayeks Grundpositionen zum Liberalismus. Später, in einem Brief an Röpke, bedauerte Rüstow, dass durch die "kompromißliche Schlußresolution der Schein der Einheit mühsam aufrechterhalten wurde, wo in Wirklichkeit der schärfste (...) subkonträre Gegensatz vorlag."

Der erzwungenen Isolation in Istanbul verdankte Rüstow die Ruhe, die er für sein großes Werk, die "Ortsbestimmung der Gegenwart", brauchte.

Nach einer Gastprofessur in Heidelberg 1949 wurde er 1950 als Nachfolger Alfred Webers auf den Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften berufen, 1953 emeritiert er und wurde bis 1956 mit der Vertretung eines Lehrstuhls beauftragt. Die Nachkriegszeit gab ihm die Möglichkeit, seine Ideen im Wiederaufbau des deutschen Staates zur Geltung zu bringen. Zusammen mit Walter Eucken und Wilhelm Röpke wirkte Rüstow trotz großer inhaltlichen Differenzen zu den "phaleoliberalen (?)" F.A. Hayek und Ludwig von Mises in der "Mont Pèlerin Society" mit.

Rüstow forderte, das bei dem wirtschaftspolitischen Schlüsselbegriff der jungen Bundesrepublik "Soziale Marktwirtschaft" das Wort "sozial" dick rot unterstrichen werden solle und sah die Gefahr, dass der Begriff "Soziale Marktwirtschaft" nur zu einem neuen Etikett für die altbekannten von Wirtschaftsinteressen geprägten Korporatismus verkommt.

Dabei ging es ihm nicht um den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat. Zum Beispiel lehnte er das nach dem Gießkannenprinzip verteilte Familien- und Kindergeld als einen "nicht zu verantwortenden Angriff auf den innersten Kern des Wesenszusammenhangs der Familie selber" ab. Er forderte eine Sozialpolitik, die auf die Eigenverantwortung des Bürgers baut und ihre Mittel nur in Notfällen einsetzt. Er bekannte sich zum Subsidiaritätsprinzip, für das die staatliche Hilfe an letzter Stelle steht.

So wenig Rüstow also von staatsinterventionistischer Kompensation hielt, so radikal war seine Forderung nach einer "Startgerechtigkeit" — nach Chancengleichheit also. Da er die "Gerechtigkeitsforderung des Sozialismus" immer für "absolut gerechtfertigt" hielt, vertrat er die bis heute unerhörte und radikale Forderung, das Erbrecht durch eine scharf progressive Erbschaftsteuer und eine striktes Limit so zu begrenzen, das niemand große Vermögen erben kann. Besitzlosigkeit bezeichnete Rüstow als "sozialpathologische Erscheinung" und sagte: "Es muß das Ziel jeder Sozialpolitik, jeder Wirtschaftspolitik sein, so vielen Menschen wie möglich Besitz und Eigentum zu verschaffen." In dieser Forderung drückte sich sein immer mehr hervortretender Antikommunismus aus, der ihn auch in seinen außenpolitischen Vorstellungen leitete. Er bezog für eine konsequente Westbindung und Bekämpfung des Bolschewismus Stellung. Andererseits aber trat er als entschiedener Gegner des Kolonialismus auf und forderte vom Westen Wiedergutmachungsleistungen für die ausgebeutete dritte Welt.

Rüstow verstand die Minimierung ökonomischer Macht als Kern der sozialen Marktwirtschaft und sah diese in ihrem Grundansatz dadurch verraten, dass der Adenauer-Staat keine ernsthafte Monopol- und Kartellbekämpfung vornahm. Als nach langem Hin und Her im Jahre 1957 endlich das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen verabschiedet wurde, war Rüstow bitter enttäuscht. Die Wirtschaft hatte sich so erfolgreich in das Gesetzgebungsverfahren eingeschaltet, dass sein Ergebnis nur ein Schatten dessen war, was der Ordoliberalismus verlangt hatte. Statt Monopole und Kartelle radikal zu verbieten, sah das Gesetz großzügige Ausnahmeregelungen vor. Weder Fusionskontrolle noch Konzernentflechtung wurden vorgeschrieben. Rüstow faßte das als Diskreditierung des gesamten Programms der sozialen Marktwirtschaft auf und sah "katastrophale Wirkungen" voraus. Genau wie in der Weimarer Zeit fehlte ihm eine Regierung, die den Mut aufgebracht hätte, "über die Köpfe aller Interessenvertretungen hinweg unmittelbar an das Verantwortungsbewußtsein und an den gesunden Menschenverstand der Wähler zu appellieren".

Rüstow hatte großen Respekt vor Ludwig Erhards Einsatz für die Liberalisierung der Preisbildung 1948. Doch nach Alexander Rüstows Einschätzung fehlten Erhard die für das Amt des Bundeskanzlers notwendigen Fähigkeiten. Rüstow hegte eine besondere Abneigung gegen Konrad Adenauer, den er für die von Wirtschaftsinteressen abhängigen Politik verantwortlich machte. Er vermisste an seiner Regierung "den nötigen Schwung, den nötigen Idealismus und den nötigen Weitblick" und war von Adenauers "Zynismus und Menschenverachtung" abgestoßen. Rüstow hoffte lange vergeblich auf Adenauers Rücktritt, von dem er einen neuen geistigen Aufschwung erwartete. Er durfte das Ende der Ära Adenauer nicht mehr erleben. Drei Monate zuvor, im Juni 1963, starb Alexander Rüstow.